An Irish Way of Thought

Irish flag

Ein Aufbruch oder - wenn andere weinen, weint man selbst

"Eigentlich wollte ich gar nicht weinen..."

Es ist Sonntag, draußen scheint sich das Wetter der Stimmung angepasst zu haben. Alle Bezugspersonen haben sich nacheinander verabschiedet, was noch viel schlimmer war als hätte man sich gemeinsam die Tränen aus dem Augenwinkel gewischt und auf Wiedersehen gesagt.

Nun ist niemand mehr da, der einen kennt und eine neue Welt liegt offen am Ankunftsflughafen. Man hält sich fest an den Liedern der Gunst, die einem Sicherheit geben, genauso wie die Möglichkeit des Schreibens auf dem noch vollen Notebook, das nun Begleiter und Schutz gleichzeitig darstellt und mich ablenkt. Hätte ich nun nicht die Möglichkeit des Schreibens, ich würde verrückt werden vor Unruhe, Erwartung und Angespanntheit... Nun aber sehe ich die Gesichter um mich herum etwas gelassener, verkrafte den ersten weiten Schritt von Eltern, Freunden, Freundin etwas leichter als erhofft, obwohl der Tag noch nicht gelobt werden soll. Noch ist heimischer Boden mein Untergrund, noch schauen mir deutsch angehauchte Menschen arrogant entgegen, warten gemeinsam auf das Einloggen - ein Einloggen in die neue Heimat - für mich jedenfalls. Keinen interessiert es, was man macht, keinen, was man vorhaben wird. Jeder für sich - nur ich mit der Unterstützung meiner Freunde und deren Gedanken, die mich begleiten wie die Briefe des Mutes und die Tränen des Abschiedes.

Aber... wenn andere weinen, weint man selbst

Alleine gerüht von den Emotionen der anderen, aufgewühlt von soviel Abschied und Wiedersehenswünschen sehe ich mich auf einem neuen Weg, einer neuen Reise, die schon so viele vor mir "erfolgreich", will meinen lebenserquickend hinter sich gebracht haben und nun davon schwärmen als ihre besten Erfahrungen, nicht missens-, aber nachahmenswert, unvergesslich... Auch ich will alles in mich aufsaugen, will alles wissen, alles erfahren und freue mich auf ein Stück Unbekanntes, dass mich bisher freundlich stimmt. Auch die Bilder der Abschiede begleiten mich und brennen schöne Erinnerungen hinter meine Lider und trotz Übermüdung und Nervösität blicke ich hoffend auf alles, was da kommen mag.
Der Mensch ist ein Gewöhnungstier...

Sanfte Schauer

Leiser Nieselregen begleitet jeden dritten Schritt, viele Blicke schweifen einfach in der Gegend herum und bewundern andere Bauart, andere Gesichtszüge und andere Angehensweise der Dinge. Eine beeindruckende Uni bietet sich dar, Rasen wie in den schönsten englischen Gärten (nicht, dass ich schon mal welche gesehen hätte...). Alte, gemächlich wirkende und kolossale Gemäuer stehen Seite an Seite mit brandneuen Bauten aus jüngster Zeit. Was anfangs noch wie ein Labyrinth aussieht, entwickelt sich bald zum alltäglichen Gang mit all seinen Abkürzungen und fast geheimen Räumen. Vieles bleibt unberührt, einiges unentdeckt.

Fast alles ist in der Nähe oder sogar auf dem Campus: die Bank, Getränke an jeder Ecke, Theater, Sporthalle, sogar ein hauseigenes Pub. Jeder hat ein Ziel, und manche nur die Ziellosigkeit, das andere Geschlecht, die nächste Bank, den Internetzugang, Unterricht, ein kleines Mal für zwischendurch, Sport oder manchmal auch einfach nur die nächste trockene Stelle.

Tagsüber Gewimmel und Linksverkehr, Trommeln, Komiker (manche aus Absicht, andere können sich nicht dagegen wehren...), Jongleure in der Shop Street, ein paar Münzen im Regen, die keiner mehr aufhebt, schon früh torkelnde Gestalten, später Flyer für vergünstigten Eintritt, immer noch oder auch schon wieder von links nach rechts und zurückschwankende Damen und Herren und Jugendliche in allen Ecken der Stadt.


Old Men Old man waiting Abends Gedränge innerhalb irischer Mauern. In den Pubs ertönen Klänge von den verschiedensten Instrumenten, die zum Besten, den Zuhöreren gegeben werden und bannen, gleichzeitig aber bewegen, so dass nicht stillgestanden werden kann. Faszination der Aufmerksamkeit. Überall scheint man Stereotype der einzelnen Nationalitäten aufzuspüren, doch ihnen allen ist der gleiche Glanz ins Gesicht geschrieben. Ab und zu wankt erneut ein Alter aufgrund des Pegels hin und her und streut Gäelisch unters Volk, setzt sich nach geraumer Zeit einfach wieder an die Theke oder gar für die Tür - nicht freiwillig. Ich weiß nicht, ob die für mich fremdem gälischen Worte den Musikern gelten und Lob entsprechen oder den sich Vorbeischiebenden, die rein wollen oder raus, weil sie genug haben von der feuchtkehligen Stimmung.

Wieder senkt sich die Nacht nicht nur über die multikulturelle Masse der Jugendherberge, lässt einige an den Tischen zusammenkommen und ein letztes mehr oder weniger langes Gespräch finden, andere schwer und müde vom Laufen ins Bett sinken und den nächsten Tag erwarten, der weiter- oder einfach nur vorantreibt.

Galway - nahe Europa bikes

Andere duschen das zweite Mal am Tag und putzen sich heraus für die fast schon alltägliche Streife, wollen sich nicht von der Uhrzeit bedrängen und ins Bett zwängen lassen. Für sie ist jeder Tag ein Samstag und viel zu schade zum Schlaf-Nachholen... Die Nacht fängt früher an und ist mit wochenendähnlichem Charakter die ganze Woche über präsent, so dass nicht geschmachtet werden muss, bis die Tage mittendrin den Tagen zum Erholen weichen, sondern es kann genossen werden: jeden Abend von neuem. Viele haben ähnliche Anlaufpunkte, doch nur wenige scheinen den Mut zu finden, auch andere daran teilhaben zu lassen, gemeinsame Wege zu gehen. Die Jugend hat noch ihren eigenen Drang. Eine Frage der Zeit, nehme ich an. Der nächste Morgen kommt bestimmt und man ist Gott sei Dank nicht halb so müde, wie man es zu Hause möglicherweise nach einer getanzten Nacht gewesen wäre. Mir scheint, dass diese Art von Abendplanung und -ausführung einen gar nicht mal so uncleveren Charakter hat...


Gewöhnung

das Meer Öltonnen Ist man daran gewöhnt, sich Tag für Tag mit anderen "Leidensgenossen" durch die Straßen zu schieben, und immer dem gleichen Tagesablauf mit aber verschiedenen und wahrhaft mannigfaltigen Menschen nachzugehen, gewinnt bald die Sicherheit die Oberhand, die Schüchternheit wiegt sich langsam aber stetig zurück und was zu spüren ist, ist eine immer größer werdende Offensive, die positiv und freundlich allen sympathisch dreinschauenden Menschen entgegenscheint und schnell Freunde macht. Doch weiß man noch lange nicht, was übliche Gastfreundschaft und ehrliches Interesse darstellt, was gastronomische Hintergedanken oder astronomische Hilfsbereitschaft enthält.

Sperrmüll Car Nachdenklich über die schnelle Zeit...

Doch der Höhepunkt ist erreicht, als man das Dach über dem Kopf sicher weiß, wieder und wieder die selben netten Menschen um sich versammelt sieht, die wiederum neue Menschen kennengelernt haben und mitbringen, wenn sich der Kreis schließt und oft nicht weniger als ein Dutzend glückliche Jugendlich aus aller Welt am Tisch sitzen und sich mögen... Alle sitzen beisammen, bringen von ihren Jobs Essen mit und teilen großherzig, erzählen von den ersten und nächsten Unischoten, träumen von schon gesehenen Naturschauspielen oder noch geplanten Schauplätzen, zeigen Photos von Menschen und deren Bauwerken oder von den Schöpfungen der Naturgewalten. Man wächst zusammen und und erlebt wie es ist, den selben Start zu haben. Doch auch hier fühlt es sich nicht gut an, wenn nach nur nach nur kurzer Zeit gerade erst neu kennengelernte Freunde traurigen Blickes gen Heimat abfahren und nichts übrig lassen außer die Verbindung durch das Internet und die Post. Wenigstens etwas, aber nicht einmal ein Bruchteil von dem, was man in Gedanken mitnimmt... und verliert...

Auftanken

Felsenmeer Manchmal überkommt mich das Gefühl, ich müsste alleine meine Wege gehen... oder fahren. Ich schwinge mich ohne große Vorbereitungen auf den Sattel, ausgerüstet mit Donuts, Keksen und Milch, mit meiner digitalen Kamera und viel Erkundungsdrang. Wasser ist mein ständiger Begleiter. Zuerst auf der linken Seite, auf dem Rückweg rechter Hand. Ebenso scheint sich der Wind als heimischer Gast angekündigt zu haben. Nur leider gibt es hier keinen Schatten, um ihm zu entkommen...

Felsenmeer Die Sonne treibt ihr Spiel mit den Wolken und macht das Radfahren durch Abstinenz schwer, durch Präsenz zum reinen Vergnügen, das man mit leicht zugekniffenen Augen und dem Wind im Gesicht genießt, als gebe es nichts anderes, um das man sich kümmern müsste. Die Sonne ist sowieso nicht selten der alleinige Faktor, der über gute und weniger gute Laune entscheidet, denn es kann manchmal schon drückend werden, wenn zu viele Tage mit jenem leichten Nieselregen oder einfach nur mit den von Pfützen gesäumten Straßen vergehen. Aber es kommt immer auch darauf an, was man aus diesen Situationen macht, denn ist es nicht genauso schön, an verregneten Tagen die "hot chocolate" zu schlürfen und sich dabei ab und an vom Fernsehen einlullen zu lassen...?!

Hot chocolate Strände, eine Unzahl von Feldern, die allesamt durch Steinwälle voneinander getrennt sind, kuhbewohnte Ebenen, Möwen, die ihren Kindern zeigen, was ein ordentlicher Landeanflug an der Küste ist, Schlick, der dem Rhythmus der Wellen folgt und nie aus dem Takt kommt, Ruinen und karge, verlassene Bauten, denen noch lange nicht der Zauber entronnen ist. Kühle Steinschluchten, nebelverhangene Berge, an deren Gründen das Wasser der Seen hin- und hergepeitscht wird. Hier und dort ein kleiner Jesus am befahrenen Wegesrand oder fast unberührtem Steilhang, rotes Kraut und tausend verschiedene Arten von Grün und Braun, kaum Tiere doch wenn, dann in großen Scharen. Manchmal dringt Sonnenschein in jede noch so verborgene Ecke, fünf Minuten später wäre man trockener geblieben, wenn man sich unter Wasser im Ozean versteckt hätte. Dann Regenbogen, mehrfach, geduldig, prächtig anwesend.

cemetary spiddal Man findet Totenstätten, die gefüllt sind mit geschliffenen Steinen, die ihre Rohheit auf die eine, menschliche Bearbeitung verloren haben, durch ihren neuen Sinn jedoch wiedererlangten. Der Wind sucht sich auch hier seine Ecken und Kanten, seine Nieschen und Fluchtwege, die Sonne scheint auf die "Menschenseelen" des verlassenen Gebietes, doch über ihm jagen sich bereits die Wolken des nächsten Unwetters.


Ruinenlichtspiel

Connemara

Kylemore Abbey

Cork Cathedral

Es gibt Menschen, die wahrscheinlich den Blick für die Umgebung leicht verloren haben und nicht mehr wirklich sehen, was sie um sich haben. Sie sehen nicht mehr die vereinzelten Blumen, die sich am Straßenrand durchkämpfen, sie überhören Vögel, Geplätscher und Wind möglicherweise nach jahrelangem Dasein. Für sie ist das Grün des Grases selbstverständlich, das Blau des Meeres nicht mehr neu, das Grau des Himmels und der Wolken nur noch Fassade. Man sieht sie nicht mehr mit offenem Mund und verträumtem Blick durch die Gegend schweifen, höchstens noch zur Erholung in einem anderen Teil des Landes, wo sie ein-, zweimal mit den ausländischen Touristen Fuß an Fuß gehen und sich die "Sehenswürdigkeiten" ihrer Insel anschauen. Dann hören sie den Schwärmereien der Besucher zum x-ten Male zu, wundern sich nur minder, oder werden auch wieder an die hinreißenden Ecken ihres Landes erinnert, bekommen Lust, sie auch noch mal mit jungfräulichen Augen betrachten zu können, ersinnen es dann aber vielleicht gar nicht als würdig genug, sich noch einmal hierhin und dorthin zu begeben. Doch ist nicht fast alles würdig, genauer betrachtet zu werden? Noch vorhandener Erkunderdrang, noch die Energie, auf eigene Faust das zu sehen, was für den Großteil schon langweilig, auch unwichtig geworden ist. Nicht für mich, möglicherweise, weil ich noch nicht lange genug hier bin, vielleicht auch, weil ich "auswärts" verweile, alles, was ungesehen ist auch gut ist und der Blick dafür leicht geschärft ist. Und deshalb lasse ich alle Sorgen Sorgen sein, lege mich rücklinks auf die Steine weit ab von jeder Menschenseele (so scheint es mir), lasse die Sonne meinen Ohren Wärme zuflüstern, atme ein, atme aus. Einfach sein. Einfach leben. Manchmal braucht es nicht viel.

Abwechslung...


Abschiede

Neue Dinge erreichen fast jeden Tag von neuem die Aufmerksamkeit.

Ring of Kerry

Manchmal fühlt es sich an, als wäre man Kind und müsste alles selber erforschen, weil man nicht versteht, was andere zu berichten, schon gesehen und erlebt haben und weitergeben wollen. Wenn man sich erinnert, sieht man sich selber in der Menge, als einzigen farbig, den Blick in die Ferne schweifend.

Dann, bisweilen plötzlich und unerwartet, andererseits oft geplant und vorausgesagt, verabschieden sich Menschen, kehren wieder heim, obwohl man sie noch nicht gehen lassen kann, sie dabehalten möchte und mit ihnen Kind sein, Eroberer spielen oder einfach nur auf einem weiteren der eine Million zählenden Bilder sein will, die von Photoapparaten, Künstlern oder der eigenen Vorstellung gemacht werden... Doch manchmal geht das nicht und man verabschiedet sich. Und das ist eines der Dinge, an die man sich wohl nur schwer gewöhnen kann...

Am Rande Europas

Rauhe Küstenwinde, salzige Meeresluft, seichte Buchten auf der einen, preschende Wellen auf der anderen Seite der Inseln. Meterhohe Wellen klatschen gegen die steilen Kliffs, das Wasser hellblau durch die Gischt. Auf den Inseln längst verlassene und doch oft besuchte Stätten der Vergangenheit, die ihren eigenen Kult hergestellt, ihren eigenen Zauber inne haben.

Alles in Miniatur, was an die Menschen erinnert. Alles in geringer Anzahl, dafür mit viel Liebe geschmückt. Doch geht es ums eigene Leben, um die Familie, um den "Clan", dann wird nicht an Steinen gespart, nicht mit verteidigenden Ideen gegeizt, sondern geschuftet bis zum Umfallen. Am Ende erklimmen die Mauern der Verteidigungsanlagen schindelerregende Höhen und bilden mit den Felswänden der Cliffs, an die sie sich lehnen, fast uneinnehmbare Steinberge.


Entfernte Weihnacht

Connemara

"Man weiß erst, was man hatte, wenn es weg ist..." ist nicht umsonst eines der bekanntesten Sprichwörter unserer Zeit und wie auf viele andere Ecken des Lebens lässt es sich auch auf den grünen Fleck Europas anwenden - zu Weihnachten. Die Heimat hat viele Freunde und Mitstudenten aus den entferntesten Orten Europas und der Welt nach Hause gezogen und hat sie dort hemmungslos der Sonne oder dem Schneechaos ausgesetzt. Sie schmücken Nadeln mit Kugeln, Häuser mit irre flackernden Lichterketten, tanzen dem neuen Jahr entgegen. Irland hingegen bietet schönstes Herbstwetter, kalt und farbenfroh, voll kühlem Sonnenschein. Manchmal ist es genießbar, der Ruhe entgegenzuwandern, oft jedoch bitter, lässt man den Gedanken an zu Hause freien Lauf. Durch's Telefon dringen vertraute Kirchenglocken ans Ohr und vergrößern den Klos im Hals, Schnee fällt dort, wo man ihn hier nicht wenig misst. Die Kälte ist da, das Schneematerial ebenfalls, doch scheinbar ist der weiße Zauber hier nicht erwünscht und so gibt es Pfützen statt Schneewehen...

Connemara

Die beißende Kälte bleibt jedoch und mit ihr die klaren Nächte, die klammen Finger, die roten Nasen... Steine geben sich ungerührt, Berge ziehen sich wieder einmal hinter dichte Nebelbänke zurück und harren, was da kommen mag. Die Seen sind spiegelglatt, in ihnen glitzern tausend Sterne, tausend Glitzerfische, Edelsteine so weit das Auge reicht. Außerhalb der Stadt ist alles ruhig, man sieht von weitem schon die hell erleuchteten Häuser schimmern, einladend oder schutz suchend, wer weiß das schon.

Connemara

Ein weiteres Mal bricht innerhalb der Mauern die Kaufwut aus und die Menschen verzweifeln unter der Aufgabe, ihren Liebsten ein nicht wiederholtes, nicht lappidares, nicht aussageloses Geschenk zu machen, dass sie gleichzeitig erfreut und nicht selber beim Gegengeschenk in Unkosten stürzt. Man tritt sich in den Straßen auf die Füße, drängelt sich in den Schlangen vor, um auch ja noch das zu bekommen, was man ins Auge gefasst hat und kommt am Abend geschafft nach Hause, wünscht, Weihnachten wäre schon geschafft und hinter einem... Man hetzt von einem Treffen zum nächsten, isst, isst, isst und kann sich kaum zu etwas aufraffen, freut sich ein paar Tage über neu gewonnene Geschenke und vergisst bald schon, von wem sie kamen... THINK

Das große Finish



Viele Feste werden gefeiert, ein jeder Feiertag wird als solcher herzlichst empfangen und bejubelt, deshalb auch genutzt, um sich den Freuden des Alkohols hinzugeben, in ausgelassener Stimmung zu singen, zu tanzen und der guten alten Zeiten zu gedenken. Man schüttelt sich freundschaftlich die Hand, gibt sich gegenseitig das dunkle Guinness aus und erfreut sich des Lebens, der Gegenwart und vergisst die Zukunft für ein paar Momente. Es ist nicht mehr wichtig, was kommt, sondern es zählt, dass das Leben in diesem Augenblick genossen wird. Aus einem Helloweenläden wird das Weihnachtsspecial, aus ihm wieder der normale Jokeshop, dann der St. Patricks-Laden. Was auch immer gebraucht wird, grünweiße Hüte und rote Nasen zieren immer die Schaufenster. Man sieht ihnen den Stolz des Landes an...

Irgendwann kommt jedoch wieder die Zeit, an der man dem neu Gewonnenen, dem neu Erlebten, dem neu Erfahrenen auf Wiedersehen sagen muss. Mit schwerem Herzen nimmt man Abschied von den so liebgewonnenen vier Wänden, von den Mitbewohnern und jenen, die noch ein wenig länger im ausländischen zu Hause verweilen, um noch ein, zwei mehr von den tiefen Atemzügen zu nehmen, die so gut tun, wenn man die Muße und Zeit hat, dies zu erkennen.


Donegal Ring of Kerry

Man verabschiedet sich von Familien, von Mitstudenten, von den engen Freunden, merkt, dass man das letzte Mal hier und da ist und kann das noch gar nicht so richtig glauben, will es nicht wirklich wahrhaben, dass man schon näher am Heimatland ist, als einem lieb ist.

Dann rückt der letzte Tag an, man feiert noch einmal ausgelassen und versucht, die Gedanken an die Heimkehr genau wie die vorherigen Wochen zu verdrängen, noch einmal ins Unbewusste zu schieben, um Freude an dem zu haben, was noch da ist. Doch es gelingt nicht. Immer mehr Freunde kommen und verabschieden sich, wecken die traurige Stimmung auch in einem selber und gehen niedergeschlagen, ohne sich noch einmal umblicken zu wollen. Die, die es lockerer sehen, freuen sich auf ein Wiedersehen, planen bereits Treffen und überlegen krampfhaft, wann sie das nächste Mal Zeit für eine Europatour, einen amerikanischen road-trip haben und verschwinden mit einem "Bis bald!" auf den Lippen in der Nacht.


Was am Ende von den versprochenen Besuchen, vom regelmäßigen Brief- oder Emailkontakt übrig bleibt, kann nur die Zeit verraten. Fest steht jedoch, dass viele zu Freunden fürs Leben geworden sind, die auch, wenn sie nicht alle drei Wochen hallo sagen, immer die Tür offen stehen haben und auch genauso herzlich willkommen sind im eigenen Land, vor der eigenen Tür und sich gerne an alles zurückerinnern, was passiert ist. Missgeschicke, Abende von denen man mit lachenden Bauchschmerzen wieder nach Hause kam, mehr als mutlikulturelle Parties, grummelige und umgängliche Nachbarn, hilfsbereite und sture Mitstudis, Alkoholleichen und deren witzige Unfälle, Trips in die entlegendsten Winkel der Insel und deren immer anders lebende und reagierende Einwohner, persönliche Eindrücke und Lehren, schmerzvolle sowie auch herzliche.


Ring of Kerry

Das Schlimmste ist, dass man die Freunde zwar immer wieder sehen kann, aber jene Zusammenstellung aller auf einen Haufen wohl nie wieder so hat, wie in den alten Tagen. Einzeln werden sie immer ihre Arme offen halten, mehr oder weniger leicht zu erreichen sein, doch nie wird es die alte Gruppe geben, die sich abends zusammen ans Feuer, in die Küche oder vor den Fernseher gehauen hat, die zusammen die Pubs unsicher, die Tanzflächen voller und die Gesichter anderer freudiger gemacht hat. Sätze wie "Weißt du noch..." und "Gute Zeiten...!" werden jetzt öfter die Lippen der Einzelnen schmücken, eventuelle schlechte Zeiten werden zu wertvollen und guten Erfahrungen, die man nicht mehr missen möchte, weil alles zu dem geführt hat, was man jetzt hat: zu etwas Gutem. Und doch kann man sich nicht so recht einleben, wenn man zu Hause ist, vermisst die freundliche Art des Landes, seiner Mitlebenden, den Charme, der nie zweimal gleich ist.


Connemara Schaaf

Auch die Dinge, die man vielleicht gehasst hat, fehlen auf einmal und lassen ein Loch, dass nur schwer und langsam wieder geflickt werden kann. Man bekommt Angst, dass man genauso wird, wenn man nur lange genug wieder zu Hause ist, doch seid gewiss: alle, die einmal im Ausland gewesen sind, nehmen etwas mit, was ihnen niemand mehr nehmen kann. Man zehrt davon, erzählt und geht anderen auf die Nerven, doch das ist einem egal, weil man zu einem Teil der Musik, zu einem Teil des Ganzen geworden ist und viel dagelassen hat im Tausch für die wertvollen kleinen Dinge, die man im Gepäck hat.

Mir fehlen die Worte, obwohl viele das beschrieben haben, was auch in jedem anderen Land dieser Erde so oder so ähnlich ablaufen könnte. Aber das, was wirklich passiert ist, lässt sich schwer verpacken in die Phrasen des alltäglichen Gebrauchs. Man muss es erleben, um es selber spüren zu können...


Bis zum nächsten Mal...